(Region Rhein/Main/Neckar) Nur die schnellsten dürfen mit - dies ließen
sich die hr4-Hörer Anfang Juli nicht zweimal sagen, als es darum ging,
noch ein Ticket für die von hr-Mitarbeiterin Gabriele Spitzinger vorbereitete
Ausflugstour des Monats zu ergattern. Diese führte an einen besonderen
Ort inmitten des südhessischen UNESCO-Geoparks Bergstraße-Odenwald:
zum Felsenmeer im Lautertal.
Mit Windjacke und gut beschirmt traf man sich nun zur Juli-Wanderung im Kreuzhof
auf der Kuralpe, wo hr-Moderator Carsten Gohler den daheim gebliebenen Hörern
bei einer Live-Schaltung gemeinsam mit Reinhard Diehl und Dr. Jutta Weber (UNESCO-Geopark)
sowie Dr. Holger Göldner (Landesamt für Denkmalpflege) die Tour vorstellte.
Anschließend brach die Gruppe, wohl versorgt mit Erfrischungsgetränken
der Odenwald-Quelle, zu ihrer etwa dreistündigen Wanderung auf, die zunächst
steil bergauf, zum oberen Einstieg in das Felsenmeer führte.
Nun ging es direkt hinein in die geheimnisvolle Felslandschaft, von deren Entstehung
Reinhard Diehl zu berichten wusste. Streitende Riesen seien es gewesen, die
dieses Meer von Felsen zurückgelassen hätten - und der eine sogar
noch darunter begraben, so die schöne Sage, die seit Generationen erzählt
wird. Die wahre Geschichte ist jedoch sehr viel älter, wie Geologin Dr.
Jutta Weber anschließend ausführte. So sind die Gesteine des Felsenmeers,
wie auch der gesamte Kristalline Odenwald im Erdaltertum vor etwa 340 Millionen
Jahren entstanden, als die Region Schauplatz spektakulärer Ereignisse war.
Zu jener Zeit kollidierten in unserer Region zwei Urkontinente. Die dabei entstehende
Gesteinsschmelze stieg bis in die Erdkruste auf, wo sie langsam als Tiefengestein
auskristallisierte. Das Felsenmeer ist ein Teil dieser alten Nahtstelle zweier
Kontinente. Für die besondere, abgerundete Form der Gesteinsblöcke
war subtropische Verwitterung in der Tertiärzeit vor etwa 50 Millionen
Jahren verantwortlich. Das heutige spektakuläre Erscheinungsbild des Felsenmeers
entstand schließlich in junger geologischer Zeit: während der Eiszeiten
wurde der zwischen den Blöcken lagernde Verwitterungsgrus wurde weggespült
und die freigelegten, runden Blöcke gelangten ins Rutschen. Sie glitten
die Talflanken herab und bildeten so im Lauf der Zeit diese eindrucksvolle Ansammlung
von "Riesenmurmeln".
Auch für die Menschen ist dieses Gestein schon früh ins Blickfeld
gerückt: im 3. und 4. Jahrhundert wurde der Felsberg als römischer
Steinbruch genutzt, wie Archäologe Dr. Holger Göldner berichtete.
So ist die Riesensäule, die neben etwa 300 weiteren Werkstücken von
den römerzeitlichen Steinmetzen zurückgelassen wurde, eine der faszinierendsten
Hinterlassenschaften aus jener Zeit. Sie war für den Bau des Doms zu Trier
bestimmt, wie vergleichende Untersuchungen ergaben. Nicht nur der lange und
beschwerliche Transportweg der Gesteine, sondern auch die besonderen Abbau-
und Bearbeitungstechniken der Römer wurden von Göldner anschaulich
geschildert.
Von der Steinindustrie im Lautertal, die im 19. Jahrhundert im Lautertal erblühte,
berichtete Heidi Adam, die die Gruppe als Vorsitzende des Lautertaler Gemeindeparlaments
und engagierte Felsenmeer-Führerin begleitete. Dieser für das Tal
so wichtige Erwerbszweig sei aber heute so gut wie zu Erliegen gekommen, da
Gesteine aus Übersee trotz des langen Transportweges günstiger seien
und so die heimischen Produkte verdrängt haben, so Adam.
Nach der Hälfte des Weges an der Brücke wartete auf die Wanderer eine
willkommene Stärkung - und bei Laugenbrezeln, Mineralwasser und Apfelschorle
wurden gemeinsam mit Michael Kauer, Geopark-Ranger und Felsenmeer-Führer,
spielerisch Kontinente verschoben und Gebirge aufgefaltet.
Mit frischen Kräften ging es nun wieder an den Aufstieg, bei dem es immer
wieder Blicke auf die eindrucksvolle Felsenlandschaft und die Zeugnisse römischen
Wirkens gab.
Bei Sonnenschein schließlich der Abstieg zurück zur Kuralpe, wo schon
ein wohlverdienter deftiger Odenwälder Gemüse-Eintopf mit Bauernbrot
und Äppelwoi bereit stand.
Fazit beim Abschluss-Interview mit Carsten Gohler: Eine faszinierende Tour durch
das "Sagen"hafte Felsenmeer, das eindrucksvolle Einblicke in die Erd-
und Kulturgeschichte unserer Region gibt - und für die daheim gebliebenen
Hörer ein besonders lohnendes Ausflugsziel im UNESCO-Geopark Bergstraße-Odenwald
ist.
So sei das Felsenmeer zwar nicht das Werk zweier Riesen, dafür aber ein
spektakuläres Fenster in die Geschichte unserer Erde und der Menschen,
die auf ihr leben, so die einhellige Meinung der Teilnehmer.
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